Choralsatz - Kadenzen schreiben

von Ulrich Kaiser

Inhalt:

  1. Tenorklausel in der Melodie
  2. Sopranklausel in der Melodie
  3. Altklausel in der Melodie
  4. Bassklausel in der Melodie
  5. Abspringende Leittöne
  6. Weiterführende Hinweise

Im Folgenden können Sie an einer frei erfundenen Choralmelodie Standardkadenzen üben (die Melodie wurde dem Choral Ach Gott erhör mein Seufzen, Richter-Ausgabe Nr. 2 nachempfunden). Die Zeilenschlüsse, die für die Choralsätze Johann Sebastian Bachs sehr typisch sind, werden auch als Klauseln bezeichnet.

Abbildung Choralmelodie Zeile 1 Abbildung Choralmelodie Zeile 2 Abbildung Choralmelodie Zeile 3 Abbildung Choralmelodie Zeile 4

Falls Sie noch keine ausreichende innere Klangvorstellung für die Klauseln einer Kadenz haben, können Sie den Kadenzkanon verwenden. Im Kanon enden die Klauseln (Sopran-, Tenor und Bassklausel) alle auf dem Grundton.

Tenorklausel in der Melodie

Am Ende der ersten Zeile (erste Fermate) dieser Choralmelodie sowie am Ende der letzten Zeile (also am Ende des Chorals) erklingen Tenorklauseln. Im Kadenzkanon entsprechen diese Klauseln der ersten Phrase:

Abbildung Choralmelodie Zeile 1 Abbildung Choralmelodie Zeile 4

Kadenzen im Stile Bachs lasen sich mithilfe von drei Arbeitsschritten ausarbeiten. Für den Fall, dass eine Tenorklausel gegeben ist, lauten die drei Arbeitsschritte:

  1. Sopranklausel (im Alt oder Tenor) ergänzen
  2. Bassklausel (im Bass) ergänzen
  3. An der Dissonanzstation für die vierte Stimme den fehlenden Akkordton ergänzen und von diesem Ton aus die Stimme vervollständigen.

Singen Sie den Kadenzkanon innerlich durch und notieren Sie die gesuchten Stimmen. Ob Sie die Sopranklausel dabei im Alt oder Tenor platzieren, sollten Sie danach entscheiden, ob die Klanglage für die jeweilige Stimme günstig liegt. Achten Sie zudem darauf, dass in Moll-Kadenzen (hier also in der Kadenz auf d) ein Leitton in der Sopranklausel notiert werden muss. Für die Kadenzen auf f und d ergibt sich durch die Ausarbeitung des ersten Arbeitsschritts das folgende Ergebnis:

Abbildung Vorgabe Tenorklausel Zeile 1 Abbildung Vorgabe Tenorklausel Zeile 4

Im zweiten Arbeitsschritt können Sie die Bassklausel wie folgt ergänzen:

Abbildung Vorgabe Tenorklausel Zeile 1 Abbildung Vorgabe Tenorklausel Zeile 4

Im dritten Arbeitsschritt ermitteln Sie zuerst den fehlenden Ton an der Dissonanzstation (in den Notenbeispielen rot markiert). In der F-Klausel fehlt der Ton d, um die Töne g-f-b zu einem Septakkord zu vervollständigen, in der d-Klausel muss der Ton b ergänzt werden, um e-d-g zu einem Septakkord zu komplettieren.

Abbildung Vorgabe Tenorklausel Zeile 1 Abbildung Vorgabe Tenorklausel Zeile 4

Die roten Noten ergeben sich quasi von selbst, wenn Sie auf fehlende Akkordtöne achten und dabei auf eine Verdopplung des Leittons (in der Sopranklausel) sowie größere Sprünge verzichten. Der Achteldurchgang zur Terz des Schlussklangs (in den Beispielen oben im Tenor) ist übrigens für Choralsätze Bachs so typisch, dass Sie auf dieses Ornament nur in Ausnahmefällen verzichten sollten.

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Sopranklausel in der Melodie

Am Ende der zweiten Zeile (zweite Fermate) der Vorgabe erklingt die Sopranklausel in der Melodie.

Abbildung Choralmelodie Zeile 1

Für den Fall, dass eine Sopranklausel gegeben ist, müssen Sie nur den ersten Arbeitsschritt anpassen:

  1. Tenorklausel (im Alt oder Tenor) ergänzen
  2. Bassklausel (im Bass) ergänzen
  3. An der Dissonanzstation für die vierte Stimme den fehlenden Akkordton ergänzen und von diesem Ton aus die Stimme vervollständigen.

Erster Arbeitsschritt: Die Ergänzung der Tenorklausel

Abbildung Vorgabe Sopranklausel 1

Zweiter Arbeitsschritt: Die Ergänzung der Bassklausel

Abbildung Vorgabe Sopranklausel 2

Dritter Arbeitsschritt: Vierstimmige Aussetzung auf die bekannte Weise

Abbildung Vorgabe Sopranklausel 3

Etwas seltener kommt die Tenorklausel im Bass vor, in diesem Fall könnte die vollständig ausgearbeitete Kadenz wie folgt aussehen:

Abbildung Vorgabe Sopranklausel 4

Die Altkalusel (= rot) verläuft bei einer Tenorklausel im Bass in parallelen Terzen, während die Bassklausel (hier im Tenor) in die Quinte des Schlussklangs führt (= grün). Durch den anderen Sitz der Bassklausel unterscheidet sich auch ihr Vorbereitung (= gelb) von den bisher besprochenen Beispielen.

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Altklausel in der Melodie

Am Ende der dritten Zeile (dritte Fermate) der Vorgabe findet sich eine Form der Altklausel in der Melodie (Terzsprung abwärts).

Abbildung Choralmelodie Zeile 1

Für diesen Fall lauten die drei Arbeitsschritte:

  1. Harmonisieren der gegebenen Töne mithilfe einer Dominant-Tonika-Verbindung und ergänzung einer Bassstimme unter Berücksichtigung imperfekter Konsonanzen (Terzen/Sexten).
  2. Austerzen der Bassstimme durch eine dritte Stimme.
  3. Ergänzen der vierten Stimme (Verdopplung des Grundtons und Ergänzung des fehlenden Quinntons im Schlussklang).

Erster Arbeitsschritt: Ergänzung einer Bassstimme (D-T-Harmonisierung = A-Dur/d-Moll und 6-3-Bewegung im Außenstimmensatz)

Abbildung Vorgabe Altklausel 1

Zweiter Arbeitsschritt: Austerzen der Bassstimme in einer dritten Stimme

Abbildung Vorgabe Altklausel 2

Dritter Arbeitsschritt: Ergänzen der vierten Stimme durch Verdopplung des Grundtons und Ergänzung des fehlenden Quinntons im Schlussklang

Abbildung Vorgabe Altklausel 3

Eine andere Form der Altklausel besteht in der tonwiederholung. Studieren Sie hierzu die folgenden Aussetzung und achten Sie darauf, dass hierzu nur eine Stimme geändert werden muss. Durch diese Stimme kann sogar die dissonante Septime in die Dominantharmonie integriert werden, da sich bei dieser Altklausel eine Septime korrekt vorbereiten und auflösen lässt:

Abbildung Vorgabe Altklausel 4

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Bassklausel in der Melodie

Eine Bassklausel in der Melodie (= Quintsprung abwärts) führt üblicher Weise in den Grund- oder Quintton des Schlussklangs. Die Charakteristik dieser Wendung lässt wenig Raum für eine Aussetzung, außerdem sind Bassklauseln am Choralzeilenenden relativ selten. Aus diesem Grunde empfiehlt es sich, charakteristische Aussetzungen von Bach wie eine Vokabel auswendig zu lernen, um sie bei Bedarf anwenden zu können. Im Folgenden sind zwei typische vierstimmige Aussetzungen Bachs zu sehen:

Abbildung Vorgabe Bassklausel 1 Abbildung Vorgabe Bassklausel 2

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Abspringende Leittöne

Choralkadenzen ohne Quinte und korrekt aufgelöstem Leitton in einer Mittelstimme kommen beim jungen Bach vor. Später jedoch hat Bach anscheinend die fehlende Quinte mehr gestört als ein nicht korrekt aufgelöster Leitton in einer (schwer zu hörenden) Mittelstimme. DAs Abspringen von Leittönen in einer Mittelstimme ist daher typisch. Im folgenden sehen Sie noch einmal die im Vorangegangenen ausgearbeiteten Kadenzen des Beispielchorals, wobei auf vollstimmige Schlussakkorde geachtet wurde: 1. Kadenz = abspringender Leitton im Alt, 2. Kadenz = aufwärtsgeführte Tenorklausel und Modifizierung der Altklausel und 3. Kadenz = abspringender Leitton im Alt und nach Dur aufgehellte Terz (picardische Terz) im Schlsussklang.

Abbildung Choralmelodie Zeile 1 Abbildung Choralmelodie Zeile 2 Abbildung Choralmelodie Zeile 3 Abbildung Choralmelodie Zeile 4

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Weiterführende Hinweise

Wenn Sie etwas tiefer in die Ausarbeitung von Choralsatzkadenzen einsteigen möchten, etwas mehr über die Kadenzanordnung oder ihre textausdeutende Funktion sowie über die kunstvolle Ausarbeitung von Choralzeilen erfahren möchten, sei Ihnen das Buch Der vierstimmige Satz. Choralsatz und Kantionalsatz. Ein Lernprogramm mit CD-ROM (= Bärenreiter Studienbücher Musik 12) empfohlen. Einen Lehrgang zum Ausarbeiten eines Choralsatzes mithilfe der Regola dell'ottava finden Sie in dem Tutorial Choralsatz schreiben.

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