Songwriting mit Schubert - Eine Anleitung

von Ulrich Kaiser

Ein PDF-Anleitung zu diesem Tutorial können Sie sich hier herunterladen.

Die folgende Anleitung ist eine Einstiegshilfe zum Basteln eines Popsongs oder Schlagers. Sie besteht aus den folgenden Schritten:

  1. Schritt: Harmoniefolge bestimmen
  2. Schritt: Drums und E-Bass ausarbeiten
  3. Schritt: Melodiewendungen aus der Klassik ›borgen‹
  4. Schritt: Taktverbindungen mit Melodiewendungen gestalten
  5. Schritt: Hintergründe gestalten (›Gitarrenwand‹ und ›Streichersoße‹)
  6. Schritt: Call & Response der Leadgitarre einfügen
  7. Schritt: Text wählen, rhythmisieren und der Vorlage anpassen
  8. Mixing-Projekt zum Durchhören des Schubert-Popsongs

Bei der Notation des Drumsets sind verschiedene Schreibweisen gebräuchlich, im Zweifelsfall empfiehlt sich eine Legende. Lesen Sie hier mehr über die Notation eines Standard-Schlagzeugs.

1. Schritt: Auswahl einer Harmoniefolge

Am besten beginnt man mit einer gebräuchlichen Harmoniefolge bzw. der Kombination von zwei bekannten Pattern:

Bringt man die Harmoniefolgen beider Songs auf einen gemeinsamen Nenner, ergibt sich das folgende, wirklich häufig anzutreffende Taktschema:

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2. Schritt: Drums und E-Bass ausarbeiten

Im zweiten Schritt können wir nun für das 16-taktige Schema ein Standard-Drumpattern sowie die Stimme des E-Basses notieren. Für das folgende Beispiel wurde die (wenig gitarrenfreundliche) Tonart C-Dur gewählt. Der Bass spielt dabei die Grundtöne der Harmonien, leicht verziert durch einige harmonieeigene Sprünge sowie Durchgänge. Das folgende Beispiel zeigt die ersten vier Takte des Patterns (T-D-D-T) in der Ausarbeitung für Drums und Bass:

Zu beachten sind Korrespondenzen bzw. die gemeinsamen Akzente zwischen Bassdrum, Snare und dem E-Bass. Eine solche Abstimmung zwischen diesen Instrumenten ist für viele Pop-Stilistiken charakteristisch.
Typisch für Pop- und Schlagermusik sind auch rhythmische Überleitungen zwischen den Achttaktgruppen in Form von Fills. Die folgenden Beispiele zeigen ein kleineres Fill für den achten Takt (beginnend nach der dritten Zählzeit des Taktes) und ein größeres für den sechzehnten Takt (beginnend auf der zweiten Zählzeit des Taktes). Die folgenden Beispiele zeigen oben ein kleineres Drum-Fill in T. 8 und ein größeres in T. 16:

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3. Schritt: Melodiewendungen aus der Klassik ›borgen‹

In diesem Schritt geht es darum, passende Melodiewendungen zu finden (die an dieser Stelle noch keiner übergreifenden dramaturgischen Idee folgen müssen). Hierzu suchen wir z.B. in einem Lied von Franz Schubert nach den Harmonien unseres Patterns und schauen uns an diesen Stellen die Melodie etwas genauer an:

Legende:
grün = Tonika
gelb = Dominante
rot = Subdominante

Gleich zu Beginn des Liedes ›Lied eines Schiffers an die Dioskuren‹ finden wir eine T-D-D-T-Harmoniefolge und können uns gleich von dieser Stelle einen Tonhöhenverlauf borgen. Vom achten zum neunten Takt erklingen dann die Folge T-S und im Anschluss daran die Harmonien T, D und T. Die Melodiewendungen der drei zuletzt genannten Harmonien sind zwar bei Schubert im Original durch jeweils einen weiteren Takt getrennt, was jedoch in diesem Fall nicht weiter stört, weil sich durch die Anschlüsse (von den Taktenden zu den Taktanfängen) ein Weglassen dieser Takte geradezu anbietet.

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4. Schritt: Taktverbindungen mit Melodiewendungen gestalten

Die Hauptarbeit in diesem Schritt besteht darin, die Melodiestruktur der Vorgabe (Drums und Bass) tonartlich und rhythmisch anzupassen:

Dazu wird die bei Schubert zusammenhängende Melodie des Dreiviertel-Taktes anfangs auseinandergezogen und dem Viervierteltakt angepasst. Wichtig ist, dass die originalen Taktübergänge zu den Harmoniewechseln erhalten bleiben, die zwischen den Phrasen entstehenden Pausen können später durch ein Call&Response mit der Leadgitarre gefüllt werden. Modifiziert wurden im Folgenden der Abschluss des ersten Achttakters: Durch die höhere Oktavlage öffnet diese Phrase nun im achten Takt, während die Schlusswendung von Schubert für die Schlusswirkung am Ende des zweiten Achttakters aufgespart werden kann (periodisch):

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5. Schritt:: Hintergründe gestalten (›Gitarrenwand‹ und ›Streichersoße‹)

Bisher wurden der Groove, der Bass und die Melodie ausgearbeitet. Als nächstes folgen Stimmen, die den Klangraum füllen und damit dem zweistimmige Gerüst aus Melodie und Bass einen Hintergrund geben. Die folgenden Beispiele zeigen Füllungen des Klangraums durch

  • ein Pattern für die Rhythmusgitarre mit Powerchords
  • ein Schlagpattern für eine im Klangraum höher liegende akustische Gitarre
  • und eine Streicherwand aus Pad-Klängen (ausgehaltene Akkorde).

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6. Schritt:: Call & Response der Leadgitarre einfügen

In vorletzten Schritt geht es darum, in der Leadgitarre kleine Überleitung zwischen den Pausen in der Melodie zu schaffen. Diese Call&Response-Technik zwischen Leadgesang und Leadgitarre ist sehr charakteristisch. Die Vorhaltsbildungen sollen nur das Prinzip verdeutlichen (und sind eigentlich für Menuette charakteristischer als für Popsongs).

6. Schritt:: Text wählen, rhythmisieren und der Vorlage anpassen

Der originale Text mit den Dioskuren (das sind in der griechischen Mythologie Söhne des Zeus) und dem Nachen (ein kleines Boot) ist natürlich ungeeignet. Der Text ist mit einer englischen Internet-Übersetzung unten links zu sehen. Rechts wurde der Text so modifiziert, dass die zeittypischen Wörter (Dioskuren, Nachen) des alten Gedichts verschwunden sind. Ersetzt man Dioskuren durch Sonnen, lässt sich diese Zeile als bildliche Umschreibung der Augen der Geliebten interpretieren. Und schon liegt es in der Luft, das Master-Thema aller Popsongs und Schla­ger: die Liebe. Rechts ist der in Richtung Liebe gestylte Text sowie seine englische Internet-Übersetzung zu sehen.

Das abschließende Beispiel zeigt die erste Hälfte des Schubert-Popsongs als Partitur (Chorus):

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Mixing-Projekt zum Durchhören des Schubert-Popsongs