Songwriting 6 - Lead-Vocals

von Ulrich Kaiser

Ein Arbeitsheft zum Songwriting können Sie sich hier herunterladen.

Für den Gesang eines Songs lassen sich nur schwer Regeln angeben, jedoch gibt es einige Anhaltspunkte, die für das Schreiben von Melodien hilfreich sind. Am besten lassen sich diese Anhaltspunkte an einem konkreten Beispiel veranschaulichen. Im Folgenden ist der Beginn des Liedes »Lachen und Weinen«von Franz Schubert zu sehen:

Schubert hat für dieses Lied einen Text von Friedrich Rückert vertont:

Die beiden Beispiele zeigen, dass es bei einer Musik wie z.B. einem Lied von Franz Schubert häufig Entsprechungen gibt von Längen bzw. Kürzen der Silben und langen bzw. kurzen Notenwerten. In vielen Fällen ist dadurch die Wahl eines Metrums naheliegend (wie zum Beispiel Schuberts Wahl des 2/4-Taktes für Rückerts Gedicht »Lachen und Weinen«).

Für eine Songwriting-Stilübung erstellen wir als erstes eine freie Übersetzung des Gedichts und verzichten dabei auf die Reimstruktur:

  • When you’re in love you got a lot of reasons
  • For laughing and crying all the time
  • Wake up joyful every morning
  • And cry myself to sleep each night
  • And why I really can’t tell
  • I really can’t tell.

Eine erste Pop-Vertonung des Textes könnte sich an die oben beschriebene Entsprechung von Text und Musik anlehnen. Insbesondere die zweite Zeile legt es nahe, den Pop/Rock typischen 4/4-Takt mit einer leichten Silbe/Zählzeit zu beginnen:

Das folgende Beispiel zeigt eine Umsetzung der beiden Zeilen mithilfe des FourChord-Patterns (C-G-a-F bzw. I-V-vi-IV) in A-Dur:

Die Vertonung verwendet das Pattern zweimal, wobei der Text zum Beginn der Patterns erklingt und bereits in dessen Mitte endet. Die Pausen, die dadurch entstehen, ermöglichen einen Call&Response z.B. mit der Lead-Gitarre:

Bei einer anderen Umsetzung könnte mit Synkopen gearbeitet werden, so dass die Längen im Text nicht mehr mit den (inneren) Längen der schweren Zählzeiten zusammenfallen:

Viele Synkopen erzeugen den Eindruck, dass sich die Melodie vom Metrum lösen und darüber schweben würde. Durch den (synkopischen) Beginn nach der Takteins lassen sich zudem die Pattern verschränken, indem das Ende des Textes in den Beginn der Wiederholung des Patterns hineinreicht. Die Verkettung von Phrasen durch den Text ist eine für Pop-/Rock-Songs typische Technik:



Zur Form von Vocalparts

Es gibt einige recht charakteristische Möglichkeiten, die Lead-Vocals eines Songs zu gestalten. Die klassischen Modelle Periode und Satz der Formenlehre sind dabei auch in Pop-/Rockmusik gebräuchlich:

Periode:

Satz:

Walter Everett hat darauf hingewiesen, dass sich viele Formteile in der Pop-/Rock-Musik angemessen über das SRDC-Schema (Statement, Restatement, Departure, Conclusion) verstehen lassen. Wenn man die Periode über Buchstaben als ABAB- und den Satz als AAB-Schema bezeichnen würde, hätte man mit dem SRDC-Schema ein weiteres bekanntes Formmodell zur Gestaltung eines Formteils. Das folgende Beispiel zeigt eine Umsetzung der ersten vier Textzeilen der Schubertlied-Übersetzung mithilfe des SRDC-Formmodells:

Walter Everett lässt als Conclusion sowohl eine Wiederholung des S/R-Teils zu als auch eine neue Phrase (im Verse ist das häufig die Vertonung einer Refrainzeile. Das SRDC-Schema steht also für die Buchstabenmodelle AABC als auch für AABA. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier.

Beispiele für die genannten Strukturen:

Modell Beispiel
Periode Herbert Grönemeyer – Der Weg (Verse)

Nina Hagen – Du hast den Farbfilm vergessen (Chorus)

Annett Louisan – Zuviel Information (Chorus)

Puhdys – Alt wie ein Baum (Verse, Nachsatz mit innerer Erweiterung)

The Beatles (Meredith Willson) – Till There Was You (Verse-Verse)

Satz Ton Steine Scherben – Rauch Haus Song (Verse)

The Offspring – Staring At The Sun (Verse)

SRDC The Beach Boys – Surfin' U.S.A. (Verse)

Britney Spears – Born To make You Happy (Verse und Chorus