Kontrapunkt 2 (17. Jahrhundert) - Synkopendissonanz

von Ulrich Kaiser

In diesem Tutorial lernen Sie, Dissonanzen wie Sekunde, Septime, Quarte und None als kontrapunktische Synkopendissonanzen zu verstehen und in Madrigalen des frühen 17. Jahrhunderts als musikalischen Manierismus im Dienste der Textausdeutung verstehen zu können.

Die wichtigste Ausnahme von der Thesis-Arsis-Regel bildet die Synkopendissonanz, die Zarlino deshalb gestattet, weil die Singstimme bei synkopierten Semibreven gleichsam überbindet und den Ton nicht wiederholt, so daß der Eindruck des Vorhalts entsteht (»si ode quasi una sospensione«; 1558, Buch 3, Kap. 47, S. 197). Die Regeln für den Vorhalt sind: 1. Der erste Teil der synkopierten Note muß konsonant sein (= vorbereiteter Vorhalt); 2. die restlichen Stimmen müssen stufenweise fortschreiten; 3. der synkopierte Ton muß zur nächsten Konsonanz abwärts geführt werden (Sekunde zur Terz, Quarte zur Terz, Septime zur Sexte, None zur Dezime; nur ausnahmsweise darf die Sekunde in den Einklang, die Quarte in die verminderte Quinte aufgelöst werden [...]

Claude v. Palisca, Art. Kontrapunkt, Renaissance in: MGG Online, hrsg. von Laurenz Lütteken, Kassel, Stuttgart, New York 2016 ff., erstmalig veröffentlicht 1996, online veröffentlicht 2016, https://www-1mgg-2online-1com-1jvd8i9ui0105.emedia1.bsb-muenchen.de/mgg/stable/12864

Die Synkopendissonanz mit Septime

Das Phänomen einer Synkopendissonanz lässt sich am leicht verstehen, wenn man von einer einfachen kontrapunktischen Parallelbewegung in Sexten (oder auch Terzen) ausgeht:

Wird in diesem Beispiel das Fortschreiten der oberen Stimme durch eine Überbindung verzögert (zu sehen beim Berühren der Abbildung), erklingt ein dissonantes Septimenintervall, der ganze kontrapunktischen Wendung wird als Synkopendissonanz (hier: Septim-Synkopendissonanz) bezeichnet.

Wie in dem Zitat (oben) erwähnt, ist es hilfreich, sich den Ablauf einer Synkopendissonanz in drei Stationen vorzustellen:

  1. Vorbereitung (auf metrisch leichter Zeit)
  2. Dissonanz (die Verschiebung auf metrisch schwerer Zeit)
  3. Auflösung (auf metrisch leichter Zeit).

Als dissonierend gilt also derjenige Ton des dissonanten Intervalls, der zur Synkope gehört (= rot). Der andere Ton des dissonanten Intervalls gilt als konsonant (= blau). In der Praxis treten bei Septimen-Synkopendissonanzen sowohl an der Vorbereitungs- als auch an der Auflösungsstation oft andere Konsonanzen als die in den bisherigen Beispielen gezeigten Sexten auf. Die grauen Noten in dem folgenden Beispiel deuten denkbare und stimmführungstechnisch sinnvolle Möglichkeiten an der Vorbereitungs- und Auflösungsstation an. Beim Berühren der Abbildung wird an der Dissonanzstation der verzögerte Ton rot, der Ton der sich regulär bewegenden Stimme blau gekennzeichnet.

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Die Synkopendissonanz mit Sekunde

Vertauscht man die beiden Stimmen des Beispiels oben, das heißt, erklingt die verzögerte Stimme in der Unterstimme, ergibt sich anstelle der dissonanten Septime eine dissonierende Sekunde (das Komplementärintervall zur Septime). In diesem Fall wird auch von einer Sekund-Synkopendissonanz gesprochen.

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Fachbegriffe

In der musiktheoretischen Fachsprache haben sich für die Stimmen einer Synkopendissonanz in Anlehnung an Giovanni Maria Artusi (L'arte del contraponto, 1598) zwei Fachbegriffe etabliert:

Fachbegriff Erklärung
Agensstimme Die Stimme, die regulär fortschreitet, wird als Agensstimme bezeichnet (von lat. agere = treiben, handeln). Sie ist handelnd und gilt als konsonierende Stimme, weil sie sich relativ frei bewegen kann und dabei eine Dissonanz auslöst. In den nachstehenden Notenbeispielen wird diese Stimme blau gekennzeichnet.
Patiens Die Stimme, die verzögert wird, heißt Patiensstimme (von lat. pati = leiden, erdulden). Sie gilt als dissonierende Stimme, weil sie durch die Bewegung der Agensstimme eine Dissonanz erleidet. Sie ist in Ihrer Bewegung eingeschränkt und muss neben der Vorbereitung auch stufenweise abwärts aufgelöst werden. In den folgenden Notenbeispielen ist diese Stimme rot gekennzeichnet.

Man kann sich die innere Dynamik einer Synkopendissonanz auch durch ein heutiges Beispiel veranschaulichen: Stellen Sie sich vor, Sie stehen dicht gedrängt in einer U-Bahn. Ihr rechter Fuß steht ruhig neben dem Fuß eines Nachbarn, die U-Bahn ruckelt und Sie müssen mit Ihrem rechten Fuß einen Schritt machen, um nicht umzufallen. Dabei treten Sie Ihrem Nachbarn (natürlich aus Versehen) auf den Fuß. Dieser verspürt einen Schmerz, erschrickt, und zieht seinen Fuß daraufhin weg (die Farben beim Berühren der Abbildung entsprechen den Farben in den Notenbeispielen oben).

Ihr rechter Fuß steht ruhig neben dem Fuß eines Nachbarn.
die S-Bahn ruckelt und sie müssen mit ihrem rechten Fuß einen Schritt machen
Sie treten ihrem Nachbarn (natürlich aus Versehen) auf seinen Fuß
ihr Nachbar erschrickt sich und zieht seinen Fuß weg


Schauen Sie sich mit diesem Bild im Hinterkopf eine weitere Synkopendissonanz in Noten an:

Das linke Beispiel oben beginnt mit einer Sexte. Zur Takteins »tritt« nun die untere Stimme (= Agensstimme) und verursacht dadurch der oberen Stimme ein Leiden (= Patiensstimme). Die Patiensstimme weicht daraufhin stufenweise abwärts aus (das heißt: sie ›löst‹ den Schmerz auf). Für das Komponieren war wichtig: Der Ton der Patiensstimme muss vor dem Erleiden der Dissonanz bereits vorhanden sein (Vorbereitung) und sich nach der Dissonanz stufenweise abwärts bewegen (Auflösung). In der rechten Abbildung sehen Sie die 7-6-Synkopendissonant mit vertauschten Stimmen, das heißt, das Verhältnis von Agens- und Patiensstimme hat sich umgekehrt.

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Die Synkopendissonanz mit Quarte oder None

Wird für die Dreistimmigkeit eine Unterstimme ergänzt, entsteht durch eine Unterquinte zur Agensstimme aus moderner Sicht ein Quartvorhalt:

Durch Ergänzung einer Unterterz zur Agensstimme entsteht aus moderner Sicht ein Nonvorhalt:

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