Musikhören und Erwartung - Ein Modell zur Didaktik

von Ulrich Kaiser

Jede im Musikunterricht gehörte Musik wird unwillkürlich zu vorhandenen Erfahrungen in Beziehung gesetzt. Das Problem besteht darin, dass Schülerinnen und Schüler in der Regel sehr unterschiedliche Erfahrungen hinsichtlich des Musikhörens gemacht haben und es von daher sehr viele Möglichkeiten gibt, die gehörte Musik zu assimilieren, also eine neue Hörerfahrung in das vorhandene subjektive Bezugssystem einzuordnen. Die folgende Abbildung symbolisiert, dass dieselbe Musik beim Hören sehr unterschiedlich repräsentiert werden kann:

Abbildung unterschiedliche Repräsentationen

Anmerkung: Die Abbildung veranschaulicht unterschiedliche Repräsentationen im menschlichen Gehirn und sollte nicht dahingehend missverstanden werden, dass die weißen Markierungen hirnphysiologische Areale zur Reizverarbeitung von Musik angeben.

Hat das Musikhören im Musikunterricht das Ziel, eine bestimmte Musik kennen zu lernen, ist es nebensächlich, auf welche Weise Schülerinnen und Schülern die gehörte Musik assimilieren (für die eine mag sich die Musik traurig, für den anderen fröhlich anhören). In diesem Fall könnte sich eine Methodik des Musikhörens darauf beschränken, die unterschiedlichen Assimilationen zu moderieren. Die folgende Abbildung veranschaulicht Musikerfahrungen aufgrund ungefilterter Hörprozesse:

Abbildung ungefiltertes Hören

Hat das Musikhören im Musikunterricht jedoch ein konkretes Ziel (z.B. das Erkennen einer bestimmten Form, Instrumentation oder Bewegung), besteht das Problem darin, Komplexität zu reduzieren, das heißt, die vielen Möglichkeiten der Musikerfahrung zu reduzieren. Eine Möglichkeit der Komplexitätsreduktion besteht im Aufbau einer Erwartung, denn Erwartungen machen bestimmte Möglichkeiten des Musikerlebens wahrscheinlich, während andere Möglichkeiten ausgeblendet werden. Die folgende Abbildung veranschaulicht eine durch Erwartung gefilterte Repräsentation einer gehörten Musik:

Abbildung unterschiedliche Repräsentationen

Auch für den Fall einer gefilterten Musikwahrnehmung kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich mentale Repräsentationen exakt gleichen. Jedoch erhöht die Komplexitätsreduktion durch Erwartung die Wahrscheinlichkeit, vergleichbare Hörerfahrungen und Unterrichtsziele gewinnbringend aufeinander beziehen zu können. Die nächste Abbildung veranschaulicht die Filterung musikalischer Reize durch eine Erwartung:

Zwei Fragen liegen in diesem Zusammenhang nahe:

1. Welche Erwartungen eignen sich als Filter der Wahrnehmungsreize?

Als Filter kann grundsätzlich jede Information dienen, mit der sich eine Erwartbarkeit aufbauen und die Aufmerksamkeit von Schülerinnen und Schülern fokussieren lässt. Information müssen dabei keineswegs musikspezifisch sein, die Information ›Explosion‹ beispielsweise könnte zur Identifikation des Repriseneintritts im Kopfsatz der 2. Sinfonie von Gustav Mahler führen, die Information ›Tod‹ hingegen zu einem Verweis auf eine spannungsvolle Pause im langsamen Satz er Eroika von L. v. Beethoven. Selbstverständlich können musikspezifische Informationen die gleiche Leistung erbringen (z.B. »Achten Sie auf einen besonders lauten Orchesterschlag« oder »Achten Sie auf eine spannungsvolle Pause«). Willkürliche Informationen auf emotionaler, sensumotorischer, sozialer oder kognitiver Ebene können dazu geeignet sein, die Aufmerksamkeit zu richten und auf diese Weise Wahrnehmungsmöglichkeiten zu reduzieren.

2. Welche Anschlussmöglichkeiten ergeben sich durch bestimmte Erwartungen?

Durch das im Vorangegangenen Gesagte könnte der Eindruck entstanden sein, dass es beliebig ist, welche Erwartungen für die Filterung einer Hörerfahrung aufgebaut werden. Dabei ist jedoch Folgendes zu bedenken:

  1. Möglichkeiten der Wahrnehmung sind nicht unbegrenzt verfügbar. Bewirkt eine spezifische Erwartung eine Filterung, werden dadurch bestimmte Möglichkeiten der Wahrnehmung verdeckt. Für einen Perspektivwechsel ist ein erhöhter Aufwand erforderlich, diese Möglichkeiten zu aktivieren und bereits gemachte Erfahrungen zu revidieren.
  2. An eine durch Erwartung gefilterte Wahrnehmung sind Anschlüsse in Form von Erlebnissen und Handlungen möglich. Potentielle Anschlüsse an verdeckte Möglichkeiten der Wahrnehmung können für den Unterricht nicht aktiviert werden und gehen verloren. Entscheidend für die Angemessenheit einer Filterung durch Erwartung ist also letztendlich das Unterrichtsziel. Erst im Hinblick auf dieses Ziel lässt sich entscheiden, ob ein Erwartungsfilter notwendige bzw. hilfreiche Wahrnehmungen zulässt und anderes verhindert.

Konsequenzen

Arbeitsaufträge wie »Hört aufmerksam zu« in Verbindung mit »Was ist euch aufgefallen?« leisten keine Komplexitätsreduktion und dürften daher vielfältige Hörerfahrungen provozieren. Für die Wahrnehmung einer musikalischen Form, für das Erlernen von Tanzschritten oder die Darstellung eines Rhythmuspatterns sind spezifische Hörerfahrungen notwendig. Das dem Hörerlebnis Erwartungen vorangestellt werden, die einer Sachlogik (Form, Tanzen, Rhythmus) folgen, lässt sich als Top-Down-Prozess der Reizverarbeitung verstehen und kann in Widerspruch zu pädagogischen Direktiven stehen, die für ein Musikerleben Bottom-Up-Prozesse im Schulunterricht fordern. Wilfried Gruhn hat dazu geschrieben:

Eine der Sachlogik gehorchende Systematik stellt sich immer erst nach einem Lern- und Erkenntnisprozess ein und schließt diesen ab.

Wilfried Gruhn, Der Musikverstand, Wiesbaden 2005, S. 3.

Auch, wenn das Ziel eines praxisorientierten Unterrichts verständlich und wünschenswert ist: In Bezug auf das im Vorangegangenen Gesagte ist Gruhns generalisierende Aussage dogmatisch und unzutreffend.