Mein Herz (Dieter Bohlen)

von Ulrich Kaiser

Kontext und Form

Der Song »Mein Herz« wurde durch die Schweizer Schlagersängern Beatrice Egli berühmt. Mit diesem Hit sowie zwei weiteren Titeln (»Und morgen früh küss ich dich wach«, »Ich liebe das Leben«) wurde Egli Siegerin der 10. Staffel der Castingshow Deutschland sucht den Superstar (DSDS) und erhielt im Anschluss an diesen Erfolg einen Vertrag von der Universal Music Group (UMG).
Komponist und Produzent von »Mein Herz« ist Dieter Bohlen, der Song wurde Opener der CD Glücksgefühle und als Single ausgekoppelt. Sowohl die Single als auch das Album konnten in den darauf folgenden Wochen Platz eins in den offiziellen deutschen, österreichischen und Schweizer Charts belegen. Die Single wurde darüber hinaus für über 150.000 verkaufte Einheiten in Deutschland mit Gold ausgezeichnet. Weitere Fernsehauftritte wie z.B. in Let’s Dance und dem ZDF-Fernsehgarten folgten sowie ein Video, das in Barcelona an der Costa Brava gedreht worden ist.
Beatrice Egli äußerte sich sehr überzeugt darüber, dass dieser Song ein Erfolg sein würde und beschrieb ihn in einem Interview mit dem Satz: »Das ist ein Ohrwurm«. Die folgende Analyse veranschaulicht, warum »Mein Herz« ein »Ohrwurm« ist und bei vielen das Gefühl erzeugt, den Chorus (schon beim erstmaligen Hören) gut zu kennen.

Die Form des Songs lässt sich wie folgt skizzieren:

Formanalyse Mein Herz

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Verse

Der Verse-Formteil besteht aus 16 Takten und einer inneren Struktur, die sich nach dem Schema ab-ab verstehen lässt. Die folgende Abbildung zeigt eine Transkription die ersten 8 Takte (ab) des Verse:

Notanabbildung Verse von Mein Herz

Quelle: YouTube.

In den ersten sechs Takten des Verse überwiegt der Eindruck einer Sequenz. Die ersten drei Harmonien (I-V-ii) in Verbindung mit der Sequenzierung der Melodie (cis-e-cis... -> d-fis-d...) eröffnen die Möglichkeit einer Quintanstiegssequenz I-V-ii-VI (wie beispielsweise in Leningrad von Billy Joel, Flashdance von Irene Cara oder König der Welt von Karat). Doch in einer Rückwendung erklingt in einer für den Schlager durchaus typischen Wendung (I-V-ii-V) im vierten Takt erneut die Dominante, die in der Mitte des Verse die Wiederholung des ersten Achttakters und an dessen Ende den charakteristischen V-IV-Wechsel zum Prechorus ermöglicht.

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Prechorus

Der aus dem Blues bekannte V-IV-Wechsel bei Übergang vom Verse zum Prechorus ist reizvoll, die Subdominante zur Kennzeichnung einer zweiten Taktgruppe typisch. Der Prechorus hat die Funktion, den Chorus vorzubereiten bzw. auf den Eintritt des Chorus hinzuführen:

Notation Prechorus Notation Prechorus

Quelle: YouTube.

Das geschieht auf der einen Seite durch eine prominente Harmoniefolge (IV-I-V-I), deren tonikaler Abschluss durch eine Interpolation der ii-Stufe (IV-I-ii-V-I) auf den Beginn des Chorus verschoben wird.

Die mit dieser Verschiebung einhergehende Wirkung lässt sich gut anhand eines Strukturzugs bzw. der roten Noten beim Berühren der vorangegangenen Abbildung nachvollziehen: Der Strukturzug führt von der vierten Tonleiterstufe aus über die dritte und zweite in den Grundton a (Tetrachord d−a), wobei durch die Interpolation der ii. Stufe das Erreichen des Grundtons nicht mit dem letzten Takt des Prechorus, sondern mit dem Beginn des Chorus zusammenfällt.

Auf der anderen Seite sind an der Vorbereitung des Chorus auch die halbschlüssige Dominante, deren Wirkung mit der Quintlage der Melodie im vorletzten Takt des Prechorus zusammenhängt, eine Bewegungszunahme gegenüber dem Verse (z.B. Achtelrepetitionen im Bass), eine Intensivierung durch Dynamik und Mix sowie der Break zur Erhöhung der Spannung direkt vor dem Einsetzen des Chorus beteiligt.

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Chorus

Der Chorus von »Mein Herz« hat ›Ohrwurm‹-Qualität und vermittelt bereits beim erstmaligen Hören das Gefühl von Vertrautheit.

Notanabbildung Chorus von Mein Herz

Dieser Eindruck lässt sich nur zum Teil über die bekannte harmonische Struktur (I-x-V-I, die hier um die aus der Prechorus-Chorus-Verbindung bekannte V-IV-Wendung erweitert wurde oder die Sequenzstruktur der Melodie erklären. Eine andere Eigenschaft nobilitiert den Chorus zum Gassenhauer:

Lamentobass chromatisiert Lamentobass chromatisiert

Wie die nach D-Dur transponierte und metrisch transformierte Notation der Chorus-Melodie veranschaulicht, könnte Dieter Bohlen für den jeweils zweiten Teil der Chorus-Taktgruppen eine Stelle aus der Habanera der Oper Carmen von George Bizet als Blaupause gedient haben. Der enorme Bekanntheitsgrad von Oper und Arie jedenfalls dürfte maßgeblich mit verantwortlich dafür sein, dass man den Song Mein Herz zu kennen glaubt, auch wenn man ihn erstmalig hört. Die synoptische Notendarstellung (oben) und auch das folgende Beispiel veranschaulichen die Bezüge zwischen dem Chorus mit ›Ohrwurm‹-Qualität von Dieter Bohlen sowie der Habanera von George Bizet:

Um Missverständnissen vorzubeugen: Mit dieser Analyse ist nicht beabsichtigt, die funktionale Qualität des Songs »Mein Herz« in Frage zu stellen. Sollte die Carmen-Referenz von Dieter Bohlen oder seinem Team beabsichtigt gewesen sein, wurde sie sehr organisch (und kommerziell erfolgreich) in den Songverlauf integriert. Darüber hinaus ist die Referenz auch aus der Perspektive des Urheberrechts nicht zu beanstanden (die Musik von Bizet unterliegt keinen Restriktionen mehr und ist gemeinfrei). Selbst für den Fall, dass die Ähnlichkeiten unbeabsichtigt gewesen sein bzw. zufällig Eingang in den Melodieverlauf gefunden haben sollten, ändert dies nichts an der Tatsache, dass die erörterten Details in der Rezeption das Gefühl von Eingängigkeit oder Vertrautheit hervorrufen können. Gegenstand dieser Analyse sind der Nachweis, welche kompositionstechnischen Eigenschaften für intuitiv erfahrbare musikalische Wirkungen verantworlich sein können sowie die Veranschaulichung der für das Hören wichtigen strukturellen Eigenschaften von »Mein Herz«. Dass darüber hinaus dem professionellen Sounddesign ein großer Anteil am kommerziellen Erfolg des Songs zukommt, ist unbestritten, jedoch nicht Gegenstand dieser Analyse.

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