Sekunden

von Ulrich Kaiser

In der klassischen Kontrapunktlehre gelten Sekunden als dissonante Intervalle, deren Gebrauch in vertikaler Hinsicht besonderen Regeln unterworfen war (vgl. Durchgang, Dreh- oder Wechselnote, Synkope). Dieser Qualifizierung gründet auf ein Denken, dass Intervalle nach den Schwingungsverhältnisse der an einem Zusammenklang beteiligten Töne qualifiziert.

Nach den Differenzierungen mittelalterlicher Traktate wurden Sekunden als consonantiae betrachtet. Mit Hucbald (ausgehendes 9. Jahrhundert) beginnt eine Auffassung, Intervalle nach Zusammenklangs-Intervallen (symphoniae) und melodischen Intervallen zu unterschieden. Da Zählung der Sekunde zu den consonantiae war dabei am Gebrauch der Intervalle in der musikalischen Praxis orientiert (z.B. Guidos sechs consonantiae kl. und gr. Sekunden, kl. und gr. Terzen, Quarte und Quinte bildeten die häufigsten Intervalle in gregorianischen Gesangsmelodien).

Die Musik des 16. und 17. Jahrhundert dürfte eine weiter Differenzierung geprägt haben, nach der nicht Intervalle, sondern nur eine Stimme als dissonant angesehen wurde. Diese Stimme wurde von Giovanni Maria Artusi, dem vermeintlichen Widersacher von Claudio Monteverdi, als patiente-Stimme (von lat. pati = leiden, erdulden) bezeichnet. Aus dieser Auffassung resultierte die Tatsache, dass nur die Patiente-Stimme Regeln wie Vorbereitung und Auflösung unterworfen wurde, während für die Agente-Stimme (von lat. agere = treiben, handeln) keine dieser Einschränkungen vorgesehen war.

Während Artusi für die Dissonanz auflösende Bewegung noch einen Sekundschritt abwärts forderte, konnte später das Sekundintervall auch über einen Aufwärtsschritt aufgelöst werden. Beide Arten der Auflösung lassen sich über eine parallele Terzbewegung erklären, in der eine Stimme verzögert voranschreitet:

Notenbeispiel Sext-Terz-Wendungen Notenbeispiel Sext-Terz-Wendungen

Während die Abwärtsbewegung als Standardauflösung für den Vorhalt bzw. die Synkopendissonanz galt, bezeichnete Christoph Bernhard die Dissonanzbildung mit Aufwärtsauflösung als Mora, wobei das seltene Vorkommen und der besondere Ausdruck dieser Wendung im 17. Jahrhundert Ursache für die Namensbildung gewesen sein dürfte.

Aus melodischer Sicht ist die Sekundbewegung in modaler und tonaler Musik die häufigste Bewegung überhaupt. Für das kontrapunktische Komponieren wurden Regeln für die Verbindung von Sekundschritten und Sprüngen gegeben, die ein ästhetisch gelungenes Ergebnis gewährleisten sollten. Demnach gilt eine Melodie dann als gelungen, wenn ihre Kurve wie die Flugbahn eines geworfenen Balls verläuft. Übertragen auf die Musik besagt diese Regel, dass ein Melodieverlauf, der von unten nach oben und wieder abwärts führt, genau dann als gelungen zu gelten hat, wenn unten die größeren und oben die kleineren Intervalle erklingen:

ballistischer Meldoieverlauf

Dieses ästhetische Empfinden lässt sich noch in Quellen des 18. Jahrhunderts nachweisen. Das folgende Beispiel entstammt einer Publikation aus dem Jahre 1768 von Joseph Riepel (Anfangsgründe zur musikalischen Setzkunst):

Bsp. Joseph Riepel zum Melodieverlauf

In komponierten Stücken des 15. bis 18. Jahrhunderts finden sich jedoch viele Beispiele, die nicht im Einklang mit dieser Regel stehen. Komponisten dürften daher das Urteil, ob eine Fortschreitung ›gut‹ oder ›schlecht‹ klingt, über den individuellen Kontext und nicht über starre Regeln gefällt haben.