Liedsatz, Choralsatz und Kantionalsatz

von Ulrich Kaiser

In diesem Tutorial werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen einem Liedsatz, Choralsatz und Kantionalsatz veranschaulicht. Es ist als Einstieg in das Thema Stilübung geeignet und wendet sich an diejenigen, die ohne spezielle Vorkenntnisse das Schreiben von vierstimmigen Chorsätzen erlernen möchten.



Liedsatz

Was einen Liedsatz ausmacht, lässt sich am besten an einem Liedsatz veranschaulichen. In dem folgenden Notenbeispiel sehen Sie die erste Zeile der Volksliedbearbeitung »Erlaube mir, feins Mädchen« von Johannes Brahms:

Besonders wichtig für den Klang tonaler Musik ist der Außenstimmensatz, also der Intervallsatz zwischen der höchsten und tiefsten Stimme. Im nächsten Notenbeispiel fehlen Alt und Tenor, so dass man den Außenstimmensatz leichter studieren kann:

Es ist schön zu sehen, dass Brahms die I-V-I-Bewegung im Bass wichtig war. Die vielen Tonwiederholungen im Bass wirken dabei wie eine flächige Untermalung der Melodie und treten zu ihr nicht in Konkurrenz. Gleichzeitig erlaubt der langsame harmonische Rhythmus (also der Rhythmus, in dem die Harmonien wechseln) ein flüssiges Aufführungstempo, das dem Charakter des Volksliedes angemessen ist. Auch das Verhältnis zwischen Tenor und Sopran ist sehr aufschlussreich:

Denn Brahms führt den Tenor ganz konsequent in Sexten zum Sopran. Der Tenor wirkt dadurch wie ein Schatten des Soprans, also wie eine unselbständige Stimme mit der Funktion, den Sopran zu unterstützten. Außerdem klingen die Sexten sehr ›lieblich‹.
Nicht zuletzt kann man auch an der Stimmkombination Alt/Bass eine wichtige Entdeckung machen:

Alt und Bass lassen sich als eine einzige Stimme interpretieren, vergleichbar mit einer Stimmenkoppelung von Violoncello und Kontrabass im Orchestersatz. Ein Unterschied besteht lediglich darin, dass Brahms direkt erklingende parallele Oktaven (= Oktavparallelen) vermieden hat. Allerdings mit recht sparsamen Aufwand, denn er gab sich keine Mühe, Akzentparallelen zu verhindern, die Sie an den roten Noten erkennen können (mit den grünen Noten werden die offenen Okatvparallelen vermieden).

Ein Liedsatz ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

  • langsamer harmonischer Rhythmus und fließendes Aufführungstempo
  • der Bass stützt die Melodie, ohne Aufmerksamkeit zu binden
  • Mittelstimmenführung in parallelen unvollkommenen Konsonanzen (Terzen und Sexten, hier: Sexten)
  • ggf. Pseudo-Dreistimmigkeit (durch Okatvkoppelung von Stimmen)

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Choralsatz

Um den Unterschied zwischen Liedsatz und Choralsatz deutlich werden zu lassen, wäre es schön, wenn man die gleiche Melodie einmal als Liedsatz und einmal als Choralsatz hören könnte. In dem folgenden Beispiel sind die Töne der Liedmelodie »Erlaube mir, feins Mädchen« deshalb als Choralsatz ausgearbeitet worden. In diesem Satz erklingen viele Klischees, die für einen Choralsatz (im Stile von Johann Sebastian Bach) typisch sind:

Als erstes fällt auf, dass die Choralmelodie gegenüber der Liedmelodie wie ›plattgewalzt‹ wirkt. An Stelle der schwingenden Punktierungen tritt eine schwerfällige und gleichmäßige Viertelbewegung. Lediglich die Vorschlussnote g (= Penultima) ist typischer Weise auf eine Halbe gedehnt (und bildet mit der Tonwiederholung f am Taktübergang eine Hemiole). Um besser vergleichen zu können, schauen wir uns wieder als erstes den Außenstimmensatz an:

Gemessen an der Liedsatzausarbeitung hat sich hier das Gewicht von Melodie und Bass nahezu umgekehrt. War der Liedsatz von einer dominierenden Melodie geprägt, die vom Bass unterstützt wurde, schiebt sich im Choralsatz die Bassstimme in den Vordergrund, so dass die Melodie manchmal wie der Kontrapunkt zum Bass wirkt. Am Anfang und am Ende der Zeile überwiegen Quint- und Oktavintervalle, in der Zeilenmitte sind hingegen Terzen, Sexten sowie die verminderte Quinte anzutreffen. Sie werden sehen, dass ein solcher Außenstimmensatz für den Klang von Musik des 18. Jahrhunderts charakteristisch ist.
Auch im Hinblick auf den harmonischen Rhythmus sind Liedsatz und Choralsatz verschieden. Im Liedsatz hatten wir einen langsamen harmonischen Rhythmus, der ein fließendes Aufführungstempo erlaubt. Im Choralsatz verlangt üblicher Weise jedes Viertel eine eigene Harmonie. An den gründen Noten im nächsten Beispiel lässt sich ersehen, dass der harmonische Rhythmus sich sogar auf der Ebene der Achtel abspielen kann, d.h., dass sogar auf den leichten Achteln noch sinnvolle Harmonien (und nicht nur Durchgänge) erklingen können:

Der schnelle harmonische Rhythmus verlangsamt dabei das Aufführungstempo, was zu einem − am Liedsatz gemessen −gewichtigeren Gesamteindruck führt. Auch die sogenannten Diminutionen, also Durchgänge und Wechselnoten, unterstreichen diese Wirkung.

Ein Choralsatz ist durch folgende Merkmale charakterisiert:

  • schneller harmonischer Rhythmus und langsameres Aufführungstempo
  • melodische Eigenständigkeit des Basses gegenüber der Melodie
  • selbständige Mittelstimmenführung mit Diminutionen
    (Wechselnoten kommen seltener vor als Durchgänge.)
  • perfekte Konsonanzen (Oktaven, Quinten) an den Zeilenenden, dazwischen Terzen, verminderte Quinten und Sexten (wodurch viele Sextakkorde erklingen)
  • zu jeder Zeit ›echte‹ Vierstimmigkeit
  • durch das Zusammenspiel von Achteln und Vierteln entsteht ein eigenständiger Gesamtrhythmus

Das Schreiben von Choralsätzen können Sie mit dem Tutorial Choralsatz schreiben üben.

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Kantionalsatz

Schauen wir uns zum Vergleich auch noch an, wie die Ausarbeitung der Melodie »Erlaube mir, feins Mädchen« als Kantionalsatz klingt:

Beachten Sie, dass im Kantionalsatz beinahe ausschließlich grundstellige Akkorde zu hören sind. In diesem Zusammenhang ist auch ein Blick auf den Außenstimmensatz wieder aufschlussreich:

Zeilenanfang und -ende sind wie im Choralsatz von perfekten Konsonanzen (Quinte und Oktave) gekennzeichnet. Im Zeileninnern hingegen ist der Intervallwechsel 3-5-3-5- charakteristisch (= grüne Zahlen), ein Außenstimmensatz, der typisch für den grundstelligen Parallelismus) ist. Wie im Liedsatz ist die Rhythmik von Kantionalsätzen meist homorhythmisch. Ton- und Akkordwiederholungen kommen im Kantionalsatz vor, allerdings wäre eine Orgelpunktgestaltungen wie im Liedsatz für den Kantionalsatz untypisch. Der harmonische Rhythmus ist im Kantionalsatz langsamer als im Choralsatz, wodurch Kantionalsätze oftmals ein schnelleres Aufführungstempo als Choralsätze vertragen. Die mit der Wortbetonung korrespondierende Rhythmik eines Kantionalsatzes kann dabei polymetrisch, also wie ein Wechsel gerader oder triplierter Einheiten wirken (eine Korrespondenz zwischen Text und Rhythmik gibt es natürlich bei der hier gewählten Beispielmelodie nicht).

Zusammenfassend lassen sich Kantionalsätze wie folgt beschreiben:

  • nahezu ausschließlich grundstellige Akkorde, dadurch im Außenstimmensatz häufig ein Wechsel von Terzen und Quinten (oder auch Oktaven und Terzen)
  • gegenüber dem Choralsatz keine Diminutionen wie Durchgänge oder Wechselnoten
  • ›echte‹ Vierstimmigkeit wie im Choralsatz
  • keine Orgelpunktgestaltungen wie im Liedsatz
  • eine dem Rhythmus der Melodie angepassten harmonischen Rhythmus
  • Homorhythmik aller Stimmen (wordurch ein polymetrischer Eindruck entstehen kann)

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Kantionalsatz und Choralsatz in der Schule

Leider wird in Schulbüchern zum Teil immer noch nicht zwischen Choralsatz und Kantionalsatz in wünschenswerter Weise unterschieden. Zum Beispiel kann man in dem Schulbuch Tonart lesen, dass ein Choralsatz Bachs aus der Johannespassion ein Kantionalsatz sei (Tonart. Musik erleben - reflektieren - interpretieren, Innsbruck 2009, Schülerband S. 84).
Ob Choral- und Kantionalsätze aus lebensweltlicher Sicht heute überhaupt noch in den Musikunterricht an allgemeinbildenden Schulen gehören, ist sicherlich eine berechtigte Frage, die sich in Abhängigkeit der jeweiligen Bedingungen sehr unterschiedlich beantworten lässt. Entschließt man sich jedoch dazu, Choral- oder Kantionalsätze in der Schule zu behandeln, sollten die Inhalte sachlich korrekt dargestellt werden. Ein Hinweis auf notwendige didaktische Reduktionen ist selbstverständlich nicht dazu geeignet, sachlich falsche Aussagen zu rechtfertigen.

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Ausgaben und Lehrbücher

Ausgaben

Lehrbücher

  • Erich Wolf, Der vierstimmige Satz. Die stilistischen Merkmale des Kantionalsatzes, Wiesbaden 1965.
  • Thomas Daniel, Der Choralsatz bei Bach und seinen Zeitgenossen. Eine historische Satzlehre, Köln 2000.
  • Ulrich Kaiser, Der vierstimmige Satz. Kantionalsatz und Choralsatz. Ein Lernprogramm mit CD-ROM, Kassel 2002, 42015.

Zur Hamonisierung von Bass- und Melodiestimmen

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