Kontrapunkt 7 (17. Jahrhundert) - Synkopendissonanz und manieristischer Dissonanzgebrauch

von Ulrich Kaiser

In diesem Tutorial lernen Sie, Dissonanzen wie Sekunde, Septime, Quarte, None und Undezime als kontrapunktische Synkopendissonanz und in Madrigalen des frühen 17. Jahrhunderts als musikalischen Manierismus im Dienste der Textausdeutung verstehen zu können.



Die Synkopendissonanz als Septime

Das Phänomen einer Septimen-Synkopendissonanz lässt sich am einfachsten verstehen, wenn man von einer einfachen kontrapunktischen Bewegung in parallelen Sexten ausgeht:

Wird in diesem Beispiel das Fortschreiten der oberen Stimme durch eine Überbindung verzögert (zu sehen beim Berühren der Abbildung), erklingt ein dissonantes Septimenintervall. Eine solche Verzögerung in einer zweistimmigen kontrapunktischen Wendung wird als Synkopendissonanz (hier: Septim-Synkopendissonanz) bezeichnet. Es ist hilfreich, sich den Ablauf einer Synkopendissonanz in drei Stationen vorzustellen:

  1. Vorbereitung (auf metrisch leichter Zeit)
  2. Dissonanz (die Verschiebung auf metrisch schwerer Zeit)
  3. Auflösung (auf metrisch leichter Zeit).

In der Praxis treten bei Septimen-Synkopendissonanzen sowohl an der Vorbereitungs- als auch an der Auflösungsstation oft andere Konsonanzen als die bisher gezeigten Sexten auf. Die grauen Noten in dem folgenden Beispiel deuten denkbare und stimmführungstechnisch sinnvolle Möglichkeiten an der Vorbereitungs- und Auflösungsstation an. Beim Berühren der Abbildung wird an der Dissonanzstation der verzögerte Ton rot, der Ton der sich regulär bewegenden Stimme blau gekennzeichnet.

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Die Synkopendissonanz als Sekunde

Vertauscht man die beiden Stimmen des Beispiels oben, das heißt, erklingt die verzögerte Stimme in der Unterstimme, ergibt sich anstelle der dissonanten Septime eine dissonierende Sekunde (das Komplementärintervall zur Septime). In diesem Fall wird auch von einer Sekund-Synkopendissonanz gesprochen.

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Fachbegriffe

In der musiktheoretischen Fachsprache haben sich für die Stimmen einer Synkopendissonanz in Anlehnung an Giovanni Maria Artusi (L'arte del contraponto, 1598) zwei Fachbegriffe etabliert:

Fachbegriff Erklärung
Agensstimme Die Stimme, die regulär fortschreitet, wird als Agensstimme bezeichnet (von lat. agere = treiben, handeln). Sie ist handelnd und gilt als konsonierende Stimme, weil sie sich relativ frei bewegen kann und dabei eine Dissonanz auslöst. In den nachstehenden Notenbeispielen wird diese Stimme blau gekennzeichnet.
Patiens Die Stimme, die verzögert wird, heißt Patiensstimme (von lat. pati = leiden, erdulden). Sie gilt als dissonierende Stimme, weil sie durch die Bewegung der Agensstimme eine Dissonanz erleidet. Sie ist in Ihrer Bewegung eingeschränkt und muss neben der Vorbereitung auch stufenweise abwärts aufgelöst werden. In den folgenden Notenbeispielen ist diese Stimme rot gekennzeichnet.

Man kann sich die innere Dynamik einer Synkopendissonanz auch durch ein heutiges Beispiel veranschaulichen: Stellen Sie sich vor, Sie stehen dicht gedrängt in einer U-Bahn. Ihr rechter Fuß steht ruhig neben dem Fuß eines Nachbarn, die U-Bahn ruckelt und Sie müssen mit Ihrem rechten Fuß einen Schritt machen, um nicht umzufallen. Dabei treten Sie Ihrem Nachbarn (natürlich aus Versehen) auf den Fuß. Dieser verspürt einen Schmerz, erschrickt, und zieht seinen Fuß daraufhin weg (die Farben beim Berühren der Abbildung entsprechen den Farben in den Notenbeispielen oben).

Ihr rechter Fuß steht ruhig neben dem Fuß eines Nachbarn.
die S-Bahn ruckelt und sie müssen mit ihrem rechten Fuß einen Schritt machen
Sie treten ihrem Nachbarn (natürlich aus Versehen) auf seinen Fuß
ihr Nachbar erschrickt sich und zieht seinen Fuß weg


Schauen Sie sich mit diesem Bild im Hinterkopf eine weitere Synkopendissonanz in Noten an:

Das linke Beispiel oben beginnt mit einer Sexte. Zur Takteins »tritt« nun die untere Stimme (= Agensstimme) und verursacht dadurch der oberen Stimme ein Leiden (= Patiensstimme). Die Patiensstimme weicht daraufhin stufenweise abwärts aus (das heißt: sie ›löst‹ den Schmerz auf). Für das Komponieren war wichtig: Der Ton der Patiensstimme muss vor dem Erleiden der Dissonanz bereits vorhanden sein (Vorbereitung) und sich nach der Dissonanz stufenweise abwärts bewegen (Auflösung). In der rechten Abbildung sehen Sie die 7-6-Synkopendissonant mit vertauschten Stimmen, das heißt, das Verhältnis von Agens- und Patiensstimme hat sich umgekehrt.

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Die Synkopendissonanz als Quarte und None

Wird für die Dreistimmigkeit eine Unterstimme ergänzt, entsteht durch eine Unterquinte zur Agensstimme aus moderner Sicht ein Quartvorhalt:

Durch Ergänzung einer Unterterz zur Agensstimme entsteht aus moderner Sicht ein Nonvorhalt:

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Die Synkopendissonanz als Septnonklang

Ein Septnonklang in kontrapunktischer Musik wie beispielsweise in einem Madrigal des frühen 17. Jahrhunderts lässt sich nach dem bisher Gesagten als eine Schichtung von zwei Septim-Synkopendissonanzen verstehen. Das folgende Beispiel zeigt zwei ineinander verschachtelte Septimen-Synkopendissonanzen, in der zwei Agensstimmen (c und e = blau) jeweils eine Dissonanz auslösen (h und d = rot):

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Die Synkopendissonanz als Undezimklang

Ein Undezimklang in kontrapunktischer Musik wie zum Beispiel in dem Madrigal Out from the Vale von John Ward lässt sich in dem bisher beschriebenen Sinn als eine Schichtung von drei Septim-Synkopendissonanzen verstehen:

Der einzigartige Klang über dem c des Basses lässt sich als Verschachtelung von drei Septimen-Synkopendissonanzen verstehen, in der die drei Agensstimmen c, es und g (= blau) jeweils die Septimen-Synkopendissonanzen b, d und f (= rot) auslösen. Jeder Ton des konsonanten Dreiklangs c-es-g wird somit zur Agensstimme, alle zusammen bewirkt eine Dissonanz, die sich aus moderner Sicht als Undezimakkord verstehen lässt:

Diese extreme Dissonanzschichtung zieht allerdings satztechnische Probleme nach sich und funktioniert auch nur in einer spezifischen Lage, weil die stufenweise Abwärtsauflösung aller drei Patiensstimmen zu offenen Quintparallelen führen kann:

Aus moderner Sicht lassen sich in Musik des frühen 17. Jahrhunderts zwei bzw. drei ineinander geschachtelten Septimen-Synkopendissonanzen auch als fünf- bzw. sechstönige Cluster bzw. Tontrauben (miss)verstehen...

...wobei diese Perspektive zwar gut die Modernität der außergewöhnlichen Klangbildungen um 1630 veranschaulicht, jedoch nicht die satztechnischen und ästhetischen Besonderheiten eine musikalischen Manierismus der Renaissance-Musik gegenüber einer Musik des 20. Jahrhunderts zu veranschaulichen in der Lage ist.

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Analysen

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Quelle: YouTube.